20Mrz/102

Der Naqschibandi Mythos -III-

Darauf antworten wir mit zwei Punkten:

1. Der Zustand Abu Yazid al-Bistamis wird von Scheich Ibn Taymiyyah, dem Imam der Salafiyyah, ihr geschätzter und geliebter Scheichulislam, der weitaus fern war von ihren Ansichten bezüglich Tasawwuf, erklärt:

[Der Leser, der den Blog verfolgt, kennt diesen Eintrag des Ibn Taymiyyah schon.] Im 2. Band des „Madschmu'a Fatawi Ibn Taymiyya", Dar ar-Rahmah, Kairo (S. 396-397) schreibt Imam Ibn Taymiyyah über „Fana" (Im Sufismus auch bekannt als „die Vernichtung [des Egos]"):

„Dieser Zustand der Liebe ist der Zustand vieler Leute, die Aufgrund der Liebe zu Allah Azza wa Dschalla bekannt sind. Sie sind die Leute der Liebe Allahs und die Leute des Willen (al-irada) Allahs. Er (dieser Zustand) ist typisch für die Leute, die Allah lieben und ihn suchen, weil diese Person (im Zustand des „Fana" seins) aufgegangen [verschwunden, ausgelöscht] ist in seinem Geliebten, in Allah Azza wa Dschalla, durch die Intensität der Liebe, weil er aufgegangen ist in Allahs Liebe und nicht in der Liebe seines Egos. So wird er Allah gedenken, ohne sich selbst zu gedenken, er wird sich an Allah erinnern und sich selbst vergessen, sich Allah vorstellen (yastaschhid) ohne sich selbst zu sehen und in Allah existieren und nicht in seiner selbst. Wenn er diesen Zustand erreicht; wird er sagen „Ana al-Haqq" (Ich bin die absolute Wahrheit) oder „Subhanii" (Lob sei mir) und er wird sagen „maa fil dschubba ill-Allah" (in diesem Mantel ist nichts außer Allah), weil er betäubt (betrunken) ist in der Liebe Allahs und dies ist eine Freude und Glückseligkeit, die er nicht mehr kontrollieren kann."

Weiterhin sagt Ibn Taymiyyah:

„Dieses Thema beinhaltet Haqq und Batil (Wahrheit und Unwahrheit). Aber wenn jemand einen Zustand erreicht, mit eifriger intensiver Liebe (ischq) zu Allah, wird er einen Zustand von Zerstreutheit betreten und wenn er diesen Zustand betritt, wird er das Gefühl haben, dass er einen Zustand der „Einheit" (ittidhad) erreicht hat. Ich halte dies für keine Sünde. Weil diese Person entschuldigt ist und keiner darf ihn dafür bestrafen, weil er sich nicht bewusst ist, was er tut. Denn die Feder verdammt nicht die Verrückten, außer wenn sie wieder bei Sinnen sind. Und wenn man in diesem Zustand ist, und etwas falsches gesagt (oder getan) hat, so ist er von Allah erwähnt:

رَبَّنَا لَا تُؤَاخِذۡنَآ إِن نَّسِينَآ أَوۡ أَخۡطَأۡنَا‌ۚ

„Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir (etwas) vergessen oder Fehler begehen." [2:286]

Und Allah sagt in einem anderen Vers: „Keine Schuld ist auf euch, wenn ihr unabsichtlich einen Fehler macht."

Auf Seite 339 schreibt Ibn Taymiyyah:

„Es gibt eine Geschichte von zwei Männern, die sehr respektvoll miteinander waren und einander sehr liebten. Einer der beiden fiel ins Wasser (das Meer) und sofort sprang der Andere hinterher. Daraufhin sagte der Erste (der bereits unterging): „Warum hast du dich hinterher geworfen?" Worauf der Andere antwortete: „Ich ging in dir auf und als ich in dir aufging, dachte ich, du wärst ich und ich wäre du."

Ibn Taymiyyah schreibt weiter:

„Solange es nicht durch etwas Verbotenes ist, ist es in Ordnung, aber wenn es etwas Verbotenes (gemeint ist eine böse Absicht) wäre, dann gäbe es keine Entschuldigung. Und deswegen ist es so, dass viele der 'Awliya, wie 'Abd al-Qadir Dschilani eine Entschuldigung haben, denn sie waren im Zustand der Liebe (ischq)."

Es scheint, als hätte Ibn Taymiyyah Halladsch nicht als jemanden gesehen, der zu den entschuldigten gehörte, denn er verurteilte ihn mit Kufr.

2. Bezüglich al-Halladsch müssen einige Dinge klargestellt werden:

Die 'Ulama teilten sich bezüglich Halladsch in vier Gruppen:

Die erste Gruppe gab Halladsch Recht, verteidigte ihn und seine Ansichten. Dazu gehören von den Salaf Imam Abu Bakr al-Schibli, Ibn 'Ata, Ibn Khafif und Faris rahimahumullah. Von den späteren Gelehrten [khalaf] verteidigten seine Ansicht, sahen ihn als einen der 'Awliya und akzeptierten die Beschuldigungen über seine Person nicht:

Imam Ghazali, Nasrabazi, Sulami, Abu Nasr Sarradsch, Kalabazi, al-Quschayri, Scheichulislam 'Abdullah al-Harawi, al-Hudschwiri, Abu Sa'id Abul Khayr, 'Abd al-Qadir al-Dschilani, Mawlana Dschalaladdin al-Rumi, Muhyi al-Din 'Arabi, Ayn al-Qudat al-Hamadani, Ahmad al-Ghazali, Ruzbihan al-Baki, Sana'i, Attar, Scheich al-Turkistan Ahmad al-Yasawi und Imam Rabbani Ahmad Faruq as-Sarhandi rahimahumullahu ta'ala.

Jene, die ihn verteidigten, waren auch al-Fakhr al-Din al-Razi, al-Suhrawardi, Ibn Tufayl, Mulla Sadra und Scheichulislam Ibn Kamal Baschazada.

Die zweite Gruppe, welche Halladsch als Kafir beschuldigten und leugneten, beinhalten Ibn al-Dschawzi, Dhahabi, Ibn al-Qayyim, Ibn Taymiyyah und Scheichulislam Abu Su'ud Efendi - der das Todesurteil als gerechtfertigt sah.

Es gab eine dritte Gruppe, die ihn als unschuldig sah und Mitleid mit ihm hatte.

Die vierte Gruppe, welche nichts über ihn sagte und es vorzog, seinen Zustand Allah zu überlassen, beinhaltet Abu al-Wafa ibn Aqil, Ibn al-Buhlul, Ibn Suraydsch, Ibn Hadschar und Imam Suyuti.

Daraufhin: Der einzige Grund für das Todesurteil Halladschs scheint nicht nur die Aussage „Ana al-Haqq" zu sein. Viele Mutasawwif, die im 3. Jahrhundert der Hidschra lebten, haben ebenfalls Aussagen der gleichen Art gesprochen, wurden aber nicht mit der Todesstrafe konfrontiert, wie Abu Yazid al-Bistami.

Wir wissen aber, dass die Sufis von den 'Ulama respektiert und geliebt sind. So sieht man, dass der Grund seiner Exekution nicht allein seine ausgesprochenen Aussagen waren. Die Fatwa für seine Exekution scheint nicht auf rein religiöser Basis zu sein, sondern vielmehr politisch.

Es heißt, al-Halladsch habe zusammen mit den Karamatiyyah gearbeitet, welche für die Abbasiden eine Plage waren und er solle den schwarzen Sklaven seine Hilfe zur Rebellion gegen diese angeboten haben.

Hinzukommt, dass eine große Gruppe sich zu seiner Lebzeit ihm anschloss und seine Ansichten übertrieben wiedergaben und aus dem Rahmen fielen ließen und die 'Aqidah des Volkes zerstörten.

So war auch der Scheich al-Halladschs, 'Amr ibn 'Uthman al-Makki, nicht gut zu sprechen auf einige Sufis, wie z.B. auf al-Dschunayd al-Bagdadi.

So sieht man, dass das Volk und auch die Gelehrten aufgrund Halladsch in eine Unordnung und Fitna fielen.

Dass dann auch noch derartige Aussagen kamen, waren wohl die Tropfen, die das Fass zum überlaufen brachten.

Wie ja auch Schibli sagte: „Halladsch und ich waren eins. Er jedoch hat einige seiner Zustände frei gegeben, ich jedoch habe sie geheim gehalten." Als Halladsch aufgehängt wurde, kam er zu ihm und fragte: „Awalamnan Haqqa anil 'Alamin?" - „Haben wir dich nicht bezüglichen den Welten gewarnt?"

Aus all diesem verstehen wir, dass all diese Dinge dazu führten, dass eine falsche Ansicht über Halladsch gebildet wurde und das Tor zum Todesurteil geöffnet wurde.

[Siehe auch: al-Khatib al-Baghdadi, Tarikh al-Baghdad, 8/112; Ibn Dschawzi, al-Muntazam, 8/28; Dhahabi, Siyar al-'Alamin al-Nubala, 14/313; Ibn Hadschar al-Asqalani, Lisan al-Mizan, 2/314; Ibn 'Imad, Scharazatudh Dhahab, 4/41]

Erwähnen sollte man auch, dass es nicht stimmt, dass al-Dschunayd das Todesurteil des Halladsch unterzeichnet habe.

In al-Fasl al-Hitab heißt es: „Alle Überlieferungen, dass al-Dschunayd die Fatwa bezüglich Halladsch unterzeichnet habe, sind erlogen. Dass diese Worte vollkommen erlogen sind, geht ganz klar in der Sicht der Historiker hervor. Sayyid al-Ta'ifa Dschunayd starb 11 Jahre vor dem Märtyrertum [der Autor ist einer derer, die nicht gegen ihn waren] des al-Halladsch. Husayn al-Mansur trank den Wein des Märtyrertums 309 n.H. in Bagdad, beim Bab al-Ta'ka am 24 Dhulqada, Dienstag. Dschunayd al-Bagdadi jedoch verstarb 297 n.H., einem Samstag, in Niruz Kalifa." [Entnommen aus al-Nafahat al-Uns, 'Abd al-Rahman al-Dschami'i]

Fazit:

1. Die Behauptung, Abu Yazid al-Bistami hätte Ana al-Haqq gesagt wurde widerlegt.

2. Andere Aussagen des Abu Yazid al-Bistami wurden von Scheich Ibn Taymiyyah erklärt, weswegen er nicht zu beschuldigen sei.

3. Wir haben aufgezeigt, dass die Bezeichnung als al-Haqq nicht Schirk ist, wie es die Salafiyyah behauptet haben.

4. Auch haben wir einiges über Halladsch klar gemacht, dass seine Sache viele Ansichten mit sich führte und es Verteidiger und Liebhaber gab, weswegen man weder die Verteidiger noch jene, die gegen ihn waren, für ihre Haltung tadeln kann. Entgegen der Behauptung, dass al-Halladsch angeblich aufgrund seiner Aussage exekutiert wurde, haben wir ebenfalls Details gebracht, die mehr Licht in die Sache bringen als der Autor des Textes - welchen wir widerlegen - aufbrachte.

- Fortsetzung folgt -

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. As salamu alaikum,

    ibn Teymiyye hat nach dem er ittihad und hulul wiederlegt hat, versucht das “saubere” Ittihad- und Huluverständnis zu erklären. Wenn ibn Teymiyye sagt, dass, wenn eine Person die Einheit erreicht, meint er, dass sein Zustand mit dem Willen Allahs übereinstimmt. Das er das liebt was Allah liebt, das er das verabscheut, was Allah verabscheut usw. In dem Sinne erreichte die Person die Einheit.
    Nichts weiter..Es ist unglaublich, wie hier polemisiert wird.

    wassalam

  2. Salamu alaikum,

    danke noch einmal für deine klärenden Worte bezüglich Ittihad und Hulul. Das deckt sich mit dem Verständnis der Sufis (bist du einer?). Inwiefern du darin eine Polemisierung zu erkennen vermagst, ist mir ein Rätsel. Sind dir die Texte von Scheich ul-Islam so unangenehm, dass die bloße Erwähnung in dir das Verlangen nach Aufklärung und Distanzierung von der restlichen Ahlu Sunnah weckt? Schaue bitte mal in den ursprünglichen Blogeintrag und den Kommentar den wir dazu am ende des Textes verfassten:

    blog.ahlu-sunnah.de/archives/209

    Zitat:

    “Nein! Fanafillah bedeutet nichts anderes, als dass der gesamte Wille des Menschen sich auflöst und nichts mehr außer dem Willen von Allah Ta’ala bleibt und jegliche Existenz außerhalb Allah Ta’alas nicht mehr wahrgenommen wird. Das man vollkommen eins wird mit dem, was der Wille von Allah Ta’ala ist. Ibn Taymiyyah beschreibt diesen Zustand wahrhaftig wunderschön und ist im absoluten Einklang mit dem, was Ahlu Tasawwuf sagt.”


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